Ästhetik

Der Begriff Ästhetik stammt aus dem Griechischen (aísthesis) und bedeutet sinnliche Wahrnehmung. Baumgarten etablierte Ästhetik erstmals als eigenständige, philosophische Disziplin. Während Ästhetik bis zum 19. Jahrhundert nach Baumgarten oft mit der Vorstellung und der Lehre der Schönheit gleichgesetzt wurde, ist die Bedeutung gegenwärtig weiter gefasst. Die Ästhetik beschäftigt sich in aktuellen Theorien häufig mit verschiedenen Ausprägungen der sinnlichen Wahrnehmung.

In den 1860er und 1870er Jahren befasste sich Gustav Theodor Fechner mit Ästhetik und argumentierte mit der experimentellen Ästhetik eine bis dato neue und empirische Herangehensweise. Obwohl sich Fechner überwiegend mit Kunstwerken beschäftigte, sind seine Theorien und Methoden auch heute noch zeitgemäß und lassen sich auf viele andere Themenbereiche übertragen. [vgl. Thielsch 2008, Seiten 21–22]

„Fechner definierte Ästhetik als das, was sich auf Verhältnisse unmittelbaren Gefallens und Missfallens an dem bezieht, was durch die Sinne in uns eintritt, ohne aber bloß die rein sinnliche Seite davon im Auge zu haben.“ [Thielsch 2008, Seite 22]

Er definierte außerdem die folgenden sechs zentralen Prinzipien, die sich auch auf die Gestaltung von ästhetischen Websites übertragen lassen:

  1. Das Prinzip des ästhetischen Schwellenwerts Ein Reiz muss erst eine gewisse Wahrnehmungsgrenze übersteigen, um klar wahrgenommen zu werden. Dabei kann zwischen der äußeren Grenze (Reizintensität) und einer inneren Grenze (Reizbarkeit) differenziert werden.
  2. Das Prinzip der ästhetischen Hilfe oder Steigerung Fallen mehrere kleine ästhetische Reize zeitgleich zusammen, so ist ihre Wirkung größer als die Summe der Einzelwirkungen. Vereinzelte, kleinere Reize können so auch gemeinsam zum Überschreiten der ästhetischen Grenze führen.
  3. Das Prinzip der homogenen Verknüpfung des Mannigfaltigen Monotonie führt in der Wahrnehmung des Menschen zu Missfallen, dieser hat ein Verlangen nach Abwechslung. Um sich wohl zu fühlen, muss diese Diversität aber in irgendeiner Form einen konsistenten Anteil haben, also einheitlich, durch ein konsequentes Gliederungsprinzip, verwoben sein.
  4. Das Prinzip der Widerspruchslosigkeit, Einstimmigkeit oder Wahrheit Sich einer Einstimmigkeit klar zu werden, oder die Aufhebung einer Gegensätzlichkeit führt laut Fechner zu Gefallen, Gegensätzlichkeit im Sinne eines dauerhaften Fehlers führt zu Missfallen.
  5. Das Prinzip der Klarheit Aus Verknüpfung der vorhergehenden beiden Prinzipien ergibt sich das Prinzip der Klarheit. Einstimmigkeit oder Gegensätzlichkeit in einem Vorstellungskomplex führen zu einer entsprechenden positiven oder negativen Empfindung.
  6. Das ästhetische Assoziationsprinzip Entsprechend den subjektiven Verbindungen tragen Erinnerungen zu einer positiven oder negativen ästhetischen Wahrnehmung bei. Die Nachwirkung kann dabei laut Fechner sogar den aktuellen Eindruck überlagern. [vgl. Fechner 1876]

Warum ist die Ästhetik so wichtig für uns Menschen?

  1. Die Ästhetik befriedigt menschliche Grundbedürfnisse. Für die meisten Menschen verfügen ästhetische Objekte, unabhängig von der Aufgabe, über einen inneren Wert. So bevorzugen z.B. Besucher einer Website ästhetisch gestaltete Oberflächen. Ästhetik löst beim Rezipienten Freude aus; ästhetische Objekte haben im Übrigen auch einen psychologischen Einfluss, da sie ihren Besitzer in einem positiveren Licht erscheinen lassen.
  2. Man geht davon aus, dass innerhalb weniger Millisekunden (50ms) ein ästhetisches Urteil entsteht, welches für eine gewisse Zeit Stabilität behält.
  3. Die ästhetische Wahrnehmung wird dann zum entscheidenden Kriterium, wenn in vollen Märkten alle anderen Eigenschaften einer Website (Benutzerfreundlichkeit, Barrierefreiheit etc.) vergleichbar ausgeprägt sind. [vgl. Thielsch 2008, Seite 37]

Der menschliche Verstand sagt einem, dass der Unterschied zwischen einer funktionierenden Website und einer funktionierenden, ästhetisch anmutenden Website nicht von Relevanz ist. Die gefühlsbasierte Reaktion bezeugt laut Norman dagegen etwas völlig anderes. Ästhetische Urteile folgen nicht dem Verstand. [vgl. Norman 2002, Seite 37]

Meinald T. Thielsch beschäftigt sich ebenfalls mit der Ästhetik, vor allem mit der ästhetischen Wahrnehmung von Websites. Er verwendet für die Ästhetik von Websites den Begriff der „visuellen Ästhetik“, die er wie folgt in seinen Arbeiten definiert:

„Visuelle Ästhetik bezeichnet das subjektiv empfundene Wohlgefallen an einer Website. Die ästhetische Wahrnehmung einer Website zeichnet sich somit durch einen positiven emotionalen Eindruck sowie eine positive kognitive Bewertung aus. Die affektiven und kognitiven Prozesse werden durch einzelne Gestaltungsmerkmale einer Website ausgelöst.“ [Thielsch 2008, Seite 256]

Über einen langen Zeitraum galt die ästhetische Gestaltung als extra Accessoire einer Website, „nice to have“, obwohl sie für die Nutzung im eigentlichen Sinne nicht relevant oder notwendig war. Diese Sichtweise auf die Website-Ästhetik ist jedoch überholt. Heutzutage gilt die Ästhetik, neben Usability und dem Inhalt, als bedeutende Rezeptionsdimension bei der Wahrnehmung von Websites.

Vor allem auf den ersten Blick wirkt sich die Ästhetik ausschlaggebend aus. Sie kann somit als „Turöffner-Funktion“ fungieren, die vor allem bei Neukunden bedeutend sein kann, um ihnen einen möglichst idealen Ersteindruck zu vermitteln. Besonders die Ästhetik des eigenen Webauftritts liefert Unternehmen eine Menge gestalterische Möglichkeiten, um mit anspruchsvollen, kreativen Lösungen auf sich aufmerksam zu machen und sich in der professionellen Domäne erkennbar von den Konkurrenten abzuheben. [vgl. Jaron&Thielsch 2009, Seite 8]

Thielsch et al. konnten in Studien belegen, dass Rezipienten die Ästhetik von Websites unterschiedlich wahrnehmen und das dabei besonders die Farbgestaltung einen entscheidenden Einfluss hat. Ästhetische Gestaltungsvariationen, insbesondere der Farben, hatten allerdings keinen wesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Inhalt und Usability. [vgl. Thielsch 2008, Seite 259]

Neue Resultate aus der Forschung legen gegenwärtig nahe, die Aufgabe der Ästhetik als „dritte Dimension“ von Websites bei deren Weiterentwicklung zukünftig stärker zu berücksichtigen.

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